Nachgefragt! Rolf Nagel, Kreishandwerksmeister der Kreishandwerkerschaft Pforzheim-Enzkreis, im Gespräch mit „Mein Karrierestart“.

Mein Karrierestart: Was können Sie aktuell über die Lehrstellensituation in Pforzheim und der Region sagen? (freie Lehrstellen?)

Rolf Nagel: In vielen Handwerksberufen gibt es noch zahlreiche Lehrstellen – in manchen Bereichen mehr in anderen weniger. Jugendliche mit guten Schulabschlüssen haben hier also noch gute Chancen, sich ihre Wunschlehrstelle zu sichern. Wer in seinem Wunschberuf vorab schon mal ein Praktikum geleistet hat, für den erhöhen sich natürlich die Chancen noch.

Mein Karrierestart: Welche Branchen haben die meisten Probleme, Bewerber/Lehrlinge zu finden und wieso?

Rolf Nagel: Jahr für Jahr bleiben im Nahrungsmittelbereich, also bei den Bäckern und Metzgern, Lehrstellen unbesetzt. Bei den Bäckern dürfte dies vor allem wohl an den ungewohnten Arbeitszeiten liegen. Und der Umgang mit Fleisch ist nicht unbedingt jedermanns Sache. Aber auch der Metallbau (Schlosser/Schmiede) klagt über fehlende Nachfrage seitens der Jugendlichen. Im Baubereich sieht es hingegen noch vergleichsweise gut aus in unserer Region, wobei hier vor allem bei den Stuckateuren Jahr für Jahr Lehrstellen unbesetzt bleiben. Große Sorgen macht sich auch der Elektrobereich, wo in diesem Jahr gerademal noch 22 Auszubildende zur Gesellenprüfung anstanden. Eigentlich unverständlich, bietet doch der Elek- troniker zusammen mit dem Anlagenmechaniker SHK derzeit beste Zukunftschancen.

Mein Karrierestart:Warum sind kaufmännische Berufe beliebter als handwerkliche? - Eigentlich sind die handwerklichen Berufe ja „besser“ bezahlt?

Rolf Nagel: Vielen Handwerksberufen hängt noch immer ein negatives Image an: zu schwer, zu dreckig und schlecht bezahlt. Mit Geld allein kann man das nicht wettmachen. Die Jugendlichen von heute wollen vor allem studieren. Und wenn es damit nicht klappt, dann wollen sie zumindest einen der besser angesehenen Schreibtischberufe. Das große Erwachen kommt dann meist erst hinterher, wenn sie unzufrieden und unausgefüllt in ihrem Büroalltag festhängen und am Ende des Tages nicht sehen, was sie eigentlich geschafft haben. Handwerker haben es da besser. Sie stellen sich täglich wechselnden Herausforderungen und schaffen was mit ihren Händen, von dem sie sagen können: „Schau, das habe ich gemacht!“

Mein Karrierestart: Welche Möglichkeiten gibt es während/nach der Ausbildung sich weiterzubilden?

Rolf Nagel: Der klassische Weg ist noch immer der vom Auszubildenden über den Gesellen zum Meister und anschließend zum Chef seines eigenen Betriebes. Mit Zusatzunterricht in bestimmten Bereichen kann man zudem während der Ausbildung den Hauptschulabschluss oder den Fachhochschulabschluss nachholen und anschließend studieren. Es gibt im Handwerk an dualen Hochschulen aber auch Ausbildungsgänge, wo man nach 5 Jahren seinen Gesellenbrief, die Meisterprüfung und den akademischen Bachelor in der Tasche hat. Ausgangspunkt ist aber stets eine Lehre.